Nidec plant Produktionsschließung in Bietigheim-Bissingen.
Betriebsrat und IG Metall verlangen Transparenz über Kundenaufträge, Verlagerungen und die Zukunft der Beschäftigten
Bietigheim-Bissingen, 6. Oktober 2026. Der Motorenspezialist Nidec plant, die Produktion am Standort Bietigheim-Bissingen zu schließen. Nach aktuellem Kenntnisstand sollen 116 Beschäftigte bis Ende 2027 ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Ankündigung hat in der Belegschaft Bestürzung ausgelöst. Nach Monaten der Unsicherheit und wiederholten Forderungen nach Klarheit steht das Aus für die Fertigung im Raum.
Bereits in den vergangenen Monaten hatten Beschäftigte und Betriebsrat immer wieder Antworten zur Zukunft des Standorts eingefordert. Zahlreiche Fragen aus der Belegschaft wurden gesammelt und an die Geschäftsführung übergeben. Bereits im Juli 2026 unterbrach der Betriebsrat eine Betriebsversammlung, nachdem Geschäftsführer Herr Sürücü nicht an der geplanten Versammlung teilgenommen hatte. Die Beschäftigten hatten dort Antworten auf ihre drängenden Fragen zur Zukunft des Standorts erwartet.
Auch die Betriebsversammlung am 6. Oktober 2026 wurde unterbrochen. Dabei zeigte sich erneut, wie groß die Verunsicherung innerhalb der Belegschaft ist. Die Beschäftigten hatten über Monate Klarheit verlangt, ohne belastbare Antworten auf die Zukunft des Standorts zu erhalten. Geschäftsführer Herr Sürücü und die Unternehmensleitung wurden wiederholt aufgefordert, die wirtschaftlichen Hintergründe und Perspektiven des Standorts offenzulegen. Viele Fragen sind nach Angaben des Betriebsrats bis heute unbeantwortet.
Hinter den 116 bedrohten Arbeitsplätzen stehen Menschen, Familien und langjährige Lebensgeschichten. Viele Beschäftigte haben ihr gesamtes Berufsleben am Standort verbracht, manche Familien arbeiten bereits seit Generationen für das Unternehmen. „Schon meine Eltern haben hier gearbeitet“, ist aus der Belegschaft häufig zu hören. Besonders hart betroffen wären Familien mit zwei Arbeitsplätzen im Betrieb sowie Alleinerziehende. Vielen Beschäftigten zieht die Schließungsankündigung den Boden unter den Füßen weg.
Probleme nach Verlagerung nach Mexiko
Noch vor der Ankündigung der Werksschließung war das Know-how der Beschäftigten in Bietigheim konzernweit gefragt. Nach Angaben des Betriebsrats sollen Beschäftigte das Nidec-Werk in Mexiko unterstützen, wo es nach der Verlagerung einer Produktionslinie zu Problemen gekommen sein soll.
Für den Betriebsrat wirft das grundlegende Fragen auf: Wenn bereits eine einzelne Verlagerung Schwierigkeiten verursacht, welche Risiken entstehen bei weiteren Verlagerungen? Für viele Beschäftigte ist kaum nachvollziehbar, warum ein Standort geschlossen werden soll, dessen Fachkräfte gleichzeitig benötigt werden, um Probleme an einem anderen Konzernstandort zu lösen.
Büroflächen im Raum Stuttgart bereits angemietet
Auf der Betriebsversammlung teilte die Unternehmensleitung mit, dass für den Vertrieb künftig ein Standort im Raum Stuttgart vorgesehen sei. Hierfür seien bereits Büroflächen angemietet worden.
Für viele Beschäftigte kommt diese Information überraschend. Während Belegschaft und Betriebsrat über Monate Antworten zur Zukunft des Standorts einforderten, wurden hinter den Kulissen konkrete Vorbereitungen für eine organisatorische Neuaufstellung getroffen.
Aus Sicht des Betriebsrats drängt sich die Frage auf, wann die Entscheidung über die Zukunft des Standorts tatsächlich getroffen wurde und warum die Beschäftigten so lange auf Klarheit warten mussten.
Offene Fragen zu bestehenden Kundenaufträgen
Nach Informationen, die dem Betriebsrat vorliegen, soll ein bedeutender Kundenauftrag ab 2027 entfallen. Ob und in welchem Umfang dieser Auftragsrückgang die Schließung der gesamten Produktion tatsächlich rechtfertigen kann, hat die Unternehmensleitung bislang nicht nachvollziehbar dargestellt.
Gleichzeitig bestehen nach Kenntnis des Betriebsrats weiterhin Geschäftsbeziehungen und Verträge mit anderen Kunden. Wie bestehende Lieferverpflichtungen erfüllt und laufende Kundenverträge künftig bedient werden sollen, ist bislang offen. Die Geschäftsführung hat nach Angaben des Betriebsrats weder erläutert, welche Alternativen zur Schließung geprüft wurden, noch wie die vorhandenen Aufträge künftig organisiert werden sollen.
Nach Ansicht des Betriebsrats muss das Unternehmen nachvollziehbar darlegen, welche wirtschaftlichen Gründe hinter der Schließung stehen und wie bestehende Kundenverträge künftig erfüllt werden sollen.
Auftrag externer Berater bleibt unklar
Für zusätzliches Misstrauen sorgt die Rolle externer Berater. Nach Angaben des Betriebsrats waren über einen längeren Zeitraum externe Berater an europäischen Standorten des Konzerns tätig. Bis heute wurde dem Betriebsrat weder der konkrete Auftrag noch das Ziel dieser Untersuchungen erläutert.
Unklar bleibt insbesondere, welche Standorte, Produktionslinien und wirtschaftlichen Kennzahlen untersucht wurden, welche Empfehlungen die Berater ausgesprochen haben und ob ihre Arbeit mit der geplanten Schließung in Bietigheim-Bissingen zusammenhängt.
Aus Sicht der Arbeitnehmervertretung ist es nicht akzeptabel, wenn möglicherweise weitreichende Standortentscheidungen vorbereitet werden, während Beschäftigte und Betriebsrat über Hintergründe, Entscheidungsgrundlagen und Konsequenzen im Unklaren bleiben.
Berichte über Finanzskandal verschärfen die Vertrauenskrise
Zusätzliche Brisanz erhält die Entwicklung durch Berichte über Vorgänge bei der japanischen Konzernmutter. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 30. September 2026 über die Aufarbeitung eines Finanzskandals innerhalb des Konzerns.
Ein Zusammenhang zwischen den im Bericht behandelten Vorgängen und der geplanten Produktionsschließung in Bietigheim-Bissingen ist nicht belegt. Aus Sicht von Betriebsrat und IG Metall unterstreichen die Berichte jedoch die Notwendigkeit vollständiger Transparenz über die wirtschaftlichen und strategischen Hintergründe der Entscheidung.
„Die Kolleginnen und Kollegen haben ihre Arbeit gemacht. Sie haben hochwertige Produkte gefertigt, Kunden betreut, Probleme gelöst und sogar andere Standorte mit ihrem Know-how unterstützt. Sie sind nicht verantwortlich für strategische Entscheidungen des Managements. Deshalb dürfen sie jetzt auch nicht die Rechnung dafür bezahlen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Björn Berger. „Hier geht es nicht um Zahlen in einer Präsentation. Hinter den 116 Arbeitsplätzen stehen Menschen, Familien und Lebensgeschichten. Viele Kolleginnen und Kollegen haben ihr gesamtes Berufsleben an diesem Standort verbracht. Manche Familien arbeiten bereits seit Generationen für das Unternehmen. Gleichzeitig gibt es Familien, in denen beide Partner bei Nidec beschäftigt sind, und Alleinerziehende, die besonders hart betroffen wären. Deshalb erwarten wir endlich vollständige Transparenz und ernsthafte Verhandlungen über Alternativen zur Schließung“,
Kritik am Umgang mit der Belegschaft
Nach Angaben des Betriebsrats hatte sich die Unternehmensleitung bereits mit Unterstützungs- und Beratungsangeboten für die betroffenen Beschäftigten befasst. Die Bereitstellung solcher Angebote wird vom Betriebsrat nicht infrage gestellt. Kritisiert wird jedoch, dass die Beschäftigten gleichzeitig über Monate keine belastbaren Antworten auf ihre Fragen zur Zukunft des Standorts erhalten hätten.
„Niemand stellt infrage, dass Beschäftigte in einer solchen Situation Unterstützung brauchen. Aber viele Kolleginnen und Kollegen fragen sich, warum Personalchefin Frau Schlosser offenbar Zeit hatte, Unterstützungsangebote und Anlaufstellen für die Beschäftigten zu organisieren, während die Belegschaft monatelang vergeblich auf Antworten zur Zukunft des Standorts warten musste. Für viele Beschäftigte ist das nur schwer nachvollziehbar. Was sie zuerst gebraucht hätten, wären Offenheit, Transparenz und Klarheit gewesen“, sagt ein Mitglied des Betriebsrats.
Mit der geplanten Schließung stehen nicht nur 116 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Es wird auch industrielle Kompetenz, langjähriges Fachwissen und Wertschöpfung für den Landkreis Ludwigsburg und die Region Stuttgart verloren gehen. Ein aufgegebener Produktionsstandort und das damit verbundene Wissen, lassen sich später kaum wieder aufbauen.
Betriebsrat und IG Metall erwarten deshalb, dass das Unternehmen sämtliche Entscheidungsgrundlagen offenlegt und ernsthaft nach Alternativen zur Produktionsschließung sucht.
Forderungen und nächste Schritte
Betriebsrat und IG Metall fordern:
- vollständige Offenlegung der wirtschaftlichen und strategischen Gründe für die Schließungspläne,
- Transparenz über die zukünftige Verteilung von Produktion und Kundenaufträgen,
- nachvollziehbare Darstellung der Auswirkungen des ab 2027 möglicherweise wegfallenden Kundenauftrags,
- Klarheit darüber, wie bestehende Kundenverträge und Lieferverpflichtungen erfüllt werden sollen,
- Offenlegung der Erfahrungen mit bisherigen Produktionsverlagerungen,
- Bewertung der Risiken weiterer Verlagerungen,
- Aufklärung über Rolle, Auftrag und Ergebnisse der externen Berater,
- ernsthafte und ergebnisoffene Prüfung von Alternativen zur Schließung,
- Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze und industrieller Kompetenz am Standort,
- verbindliche Perspektiven für die Beschäftigten,
- faire Verhandlungen über die Zukunft der Belegschaft.
Pressekontakt
IG Metall Ludwigsburg
Christian Friedrich
IG Metall Ludwigsburg
Telefon: 0170 3333 039
E-Mail: christian.friedrich@igmetall.de
Für den Betriebsrat
Björn Berger
Betriebsratsvorsitzender
Telefon: 0173 389 7100
E-Mail: bjoern.berger@nidec-ma.com